Warum entscheidest Du Dich jeden Tag gegen Open Source?

Wenn Du Dir nur 15 Minuten Zeit nimmst, kannst Du diese Frage im Anschluss sicherlich beantworten.

Ein neues Program, eine andere App.
Mal eben eine Datei abspeichern.

In jeder dieser Momente triffst du eine Entscheidung.
Häufig gegen OpenSource.

Doch was unterscheidet eigentlich Open Source?
Und welche Folgen hat diese Entscheidung?

„Der meiste Code, der deinen Alltag beeinflusst, ist ein Geheimnis der Unternehmen, die ihn besitzen: Selbst wenn du die nötige Zeit und das nötige Wissen hättest, wäre es dir nicht erlaubt, nachzusehen, was der Code genau tut – und ob er Schwachstellen, oder gar eine geheime Hintertür zu deinen Daten enthält.”
Quelle: https://felixreda.eu/2015/02/1-million-fuer-open-source-sicherheit

Falls Du Dich fragst, wie man FOSS eigentlich genau definiert

FOSS (Free and OpenSource Software) beschreibt Software dessen Quellcode der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Sie unterliegt vier wesentlichen Freiheiten:

  • Freiheit 0: Die Freiheit, das Programm auszuführen, wie man möchte, für jeden Zweck.
  • Freiheit 1: Die Freiheit, die Funktionsweise des Programms zu untersuchen und eigenen Bedürfnissen der Datenverarbeitung anzupassen.*
  • Freiheit 2: Die Freiheit, das Programm weiterzuverbreiten und damit seinen Mitmenschen zu helfen.
  • Freiheit 3: Die Freiheit, das Programm zu verbessern und diese Verbesserungen der Öffentlichkeit freizugeben, damit die gesamte Gemeinschaft davon profitiert.*
* Der Zugang zum Quellcode ist dafür Voraussetzung.

Was wird denn eigentlich nun wo eingesetzt?

Open Source

Frei zugänglich

Freie Software ist für jeden Menschen zugänglich und einsehbar.
Jeder kann sie verifizieren, erweitern und verbreiten. Unabhängig von seiner Herkunft oder finanzieller Lage

Nachhaltigkeit
&
Vielfalt

Open Source schafft offenes Wissen. Eine Basis auf der zukünftige Projekte aufbauen können. Das Rad muss nicht neu Erfunden werden, denn einmal geschaffene Lösungen für Probleme können auch an anderer Stelle beitragen.
Diese Freiheit fördert Vielfalt

Sicherheit
&
Transparenz

Freie Software schafft Tranzparenz, denn sie kann von unabhängigen Stellen verifiziert werden. Backdoors, unerwünschte Datenweitergabe oder Zensur können durch Code-Reviews gefunden werden.

Community Driven

Jeder Mensch kann aktiv die Entwicklung eines Projektes mitgestalten. Es entsteht ein offenes Forum für Ideen, Austausch und Disskusion, in der die Community über den Fortgang der Software entscheidet.

Proprietäre Software

Wettbewerb

Die Entwicklung eines proprietären Produkts kann einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz darstellen. Dieser Vorteil lässt sich in eine Martkdominanz oder im extremen Fall in einer Monopolstellung für einen bestimmten Bereich ausbauen.

Qualität durch finanzielle Ressourcen

Die in der proprietären Entwicklung angewendeten finanziellen Ressourcen können Anreize für eine innovative und beschleunigte Entwicklung sein.

Regulierte Nutzung

Das Unternehmen kann die Verwendung und Verbreitung des Programms durch geschlossenen Sourcecode oder Lizensierung aktiv einschränken und regulieren.

Gerechte Entlohung

Bei der proprietären Entwicklung von Software steht in der Regel die Vermarktung eines Produkts (zb. die Software selbst) im Vordergrund. Eine angemessene Entlohnung ist hier häufig realistischer als bei Open Source.

Warum werden nicht noch mehr Open Source und offene Standards genutzt?

Was ist der Grund für all die eingestellte Software? Die langsame Verbreitung und Rückmigrationen.
Marktmacht & wirtschaftliche Einflüsse in die Politik

Sei es die Tabakindustrie, Pharmaunternehmen oder der Automobilsektor. Die Einflussnahme durch abgesandte Lobbyisten bemerken wir zunehmend in den unterschiedlichsten Bereichen.

Doch keiner dieser Bereiche unterhält so viele Interessensvertreter, steckt solche Geldbeträge in das Lobbying, wie die IT-Branche.

Angeführt von Google, Facebook, Microsoft, Apple und Huawei, allein die 10 größten Tech-Konzerne zahlen jedes Jahr 32 Millionen Euro für das Festigen ihrer Marktmacht.

Über 100 Millionen die von Anbietern proprietärer Produkte jedes Jahr unter anderem darin gesteckt werden, dass selbst erfolgreiche Projekte wie LiMux zurückmigriert werden, dass politische Anreize für freie Software und Policies, die den Einsatz von offenen Standards verpflichten würden, vermieden werden.
Die dazu führen, dass wir statt transparenter Vergabeverfahren nur geschwärzte Seiten eines per SMS abgeschlossenen Vertrages zu Gesicht bekommen.

Freie Software als nicht kommerziell getriebene Bewegung besitzt solch eine Form des Lobbyismus nicht.
Hier sind wir es. Die Menschen, die mit offenen Augen und Bewusstsein dafür einstehen müssen, was sich unsere Freiheit nennt.

Quellen:

Neue Studie zur Lobbymacht von Big Tech: Wie Google & Co die EU beeinflussen
Big Tech gibt fast 100 Millionen Euro für Lobbyarbeit aus
Lobbyschlacht: Was sich Google & Co den Kampf gegen EU-Regeln kosten lassen

Bestehendes Lock-In

Warum kaufst Du Dir neben Deinem IPhone nicht einfach einen Windowslaptop ?
Was hält Dich davon ab, neben Photoshop mal Gimp zu nutzen?

Angewandt wird eine Strategie, die sich Vendor-Lock-In nennt. Lassen wir Mark Russinovich, einen leitenden Direktor von Microsoft, das selbst erklären:

„Die Windows-API ist so breit, so tief und so funktional, dass die meisten unabhängigen Softwarehersteller verrückt sein müssten, um sie nicht zu benutzen. Außerdem ist sie so tief in den Quelltext vieler Windows-Anwendungen integriert, dass es hohe Wechselkosten gäbe, wenn man stattdessen ein anderes Betriebssystem verwenden wollte. [...] Es sind die Wechselkosten, die den Kunden die Geduld gaben, bei Windows zu bleiben trotz all unseren Fehlern, unseren fehlerhaften Treibern, unseren hohen Gesamtbetriebskosten, unserem Mangel an einer sexy Vision hin und wieder und vielen anderen Schwierigkeiten […] Kunden probieren ständig andere Desktop Plattformen, aber es würde so viel Arbeit machen, zu wechseln, dass sie hoffen, dass wir einfach Windows verbessern, anstatt sie zu zwingen zu wechseln. Kurz gesagt, ohne die exklusiven Franchise Rechte, die sich Windows-API nennen, wären wir schon lange tot."

Es beginnt ganz harmlos. Kostenlose Angebote der Office-Suite. Studierenden Accounts für die Adobe Creative Cloud.
Wir bauen technisches Wissen auf, arbeiten uns in die Produkte hinein und erzeugen und speichern Dateien. Wir gewöhnen uns an die Bedienbarkeit, wollen weitere Systeme einbinden und müssen uns nach kompatiblen Produkten umschauen. Jeder dieser Schritte trägt uns weiter hinein in die Abhängigkeit.

Und genau deshalb ist die Verwendung und Verbreitung von offenen Standards so wichtig.

Mehr dazu: FSFE: Offene Standards und Lock-In

Und was sich hinter der Microsoft Strategie
"Embrace, Extend and Extinguish" verbirgt, erfährst du hier:
Skeptric.com: Embrace, Extend and Extinguish
Urban Engine: "Embrace, Extend, Extinguish" by Microsoft

Und noch mehr zum Lock-In Effekt allgemein und wie er entstanden ist:
de-academic.com - Lock-in-Effect

Zitat Quelle (Aus dem Englischen)
Commission of the european communities - Decision

Fehlendes Know-how & Struktur

Community- und Projektmanagement, Planung, Design

Hinter großen Softwareprojekten wie MS-Office stehen in der Regel große Unternehmen mit etablierten Organisationsstrukturen, Finanzierungsstrategien, spezialisierten Teams und aktivem Projektmanagement.

FOSS hingegen entspringt einer Bewegung, die gerade diese Strukturen, Verpflichtungen und Policies umgeht und auf einer Basis an Freiwilligen aufbaut. Es ist gegenseitiges Vertrauen, Selbstorganisation und Motivation, die den Kern dieser Bewegung bilden.

Und dies ist häufig der Grund für eine geringe Diversität unter den Beitragenden. Es sind größtenteils Entwickler:innen die meist durch das Beitragen von Code mit einsteigen. Aufgaben wie z.B. Community Management, Finanzplanung, Marketing und Design werden nur sehr selten und häufig von völlig Fachfremden übernommen.

“We are not very good at marketing; we are problem solvers.”

“We lack a community person. The acceptance for it is missing, we need the money to produce code.”

“I would prefer to be just an engineer. In practice, I am a community manager.”

Nicht nur fehlen damit Ansprechpartner für mögliche Partnerunternehmen. Für viele Kunden entsteht Vertrauen auch erst mit einer sichtbaren Organisationsstruktur, die Dinge wie Maintenance, Verwaltung und Support gewährleistet.

Für eine weitere Verbreitung von FOSS braucht es eben nicht nur technische Lösungen. Mindestens genauso wichtig ist Vielfalt, die nicht nur Expertise, sondern auch Bereiche wie Herkunft, sozialen Stand und Geschlecht mit beachtet.

All dies und viel mehr, sehr lesenswert erarbeitet, in folgender Studie:

Roadwork ahead - Evaluating the needs of FOSS communities working on digital infrastructure in the public interest

Fehlendes Verständnis für die Problematik

Digitale Souveränität, Abhängigkeit, Selbstgestaltung und das Bewusstsein darüber

Die Publikationen, die sich mit FOSS beschäftigen, haben in den letzten Jahren stark zugenommen. In Fachkreisen schon länger bekannt, die Gründe auch freie Software als relevante und unentbehrliche Quelle für Programme zu beachten, wird zunehmend in einer Vielzahl an Publikationen und Studien erarbeitet. Und so nimmt das Thema auch in politischen und wirtschaftlichen Fachkreisen langsam Fahrt auf.

Doch bei privaten und fachfremden Personen fehlt das Verständnis und Bewusstsein für diese Thematik häufig. Nicht nur ein technisches Verständnis für die Funktionsweise und Bedeutung von z.B. Offenen Standards fehlt, auch die wirtschaftlichen Strategien, die uns in den Lock-In treiben, werden nur selten durchblickt.

Oder bist Du Dir bei jedem Druck auf den "Speichern" Button bewusst, ob Deine Arbeit gerade in einem proprietären oder freien Dateiformat gespeichert wird?

Ein paar Hintergründe:

Wie nehmen Endanwender Open-Source-Software wahr?

Fehlende politische Anreize

Politische Anreize für die Verwendung und Entwicklung von offenen Standards und FOSS

Quelloffenheit und die Verwendung offener Standards als Voraussetzung für Software in der öffentlichen Verwaltung.
Anreize in Ausschreibungen, steuerliche und rechtliche Erleichterungen sowie finanzielle Förderungen von FOSS Projekten.

All das sind mögliche Stellschrauben, mit denen die Politik Einfluss auf die Verbreitung und Verwendung von freier Software nehmen kann.

netzpolitik.org: "Wenn Open-Source-Software derart positive Auswirkungen hat, warum wurde sie bislang politisch kaum gefördert?"

Blind: "Man hat, glaube ich, sehr auf den freiwilligen Charakter von Open-Source-Projekten gezählt. Was wir aber sehen ist, dass Projekte immer schwerer nachhaltig Mitwirkende finden. Es gibt auch in diesem Bereich einen Fachkräftemangel. [...] Das größte Problem der Unternehmen ist, die Entwickler auf dem Arbeitsmarkt zu finden, die Code zu Open-Source-Repositories beitragen können. Die Politik ist folglich hier gefragt, stärker das Thema Open Source in der Ausbildung zukünftiger Softwareentwickler, aber auch Gründer zu positionieren.

Auch müssen wir über öffentliche Finanzierung nachdenken. Die EU-Kommission hat in der Vergangenheit Open-Source-Projekte gefördert, doch im aktuellen Arbeitsprogramm von Horizon Europe gibt es bisher nicht sehr viele Ansatzpunkte zu Open Source drin. Da gibt es sicherlich noch Spielraum.

Die Unterstützung von Open Source ist im Vergleich zu anderen Themen begrenzt. Vielleicht auch deshalb, weil wir in Europa keine großen Player wie in den USA haben, wo Google, Microsoft und Amazon massiv in Open-Source-Aktivitäten investieren. In Europa sind es dagegen eher kleine und mittleren Unternehmen ohne große Lobby, die zu Open Source beitragen."

Das ganze Interview und mehr dazu:

Netzpolitik - „Open Source braucht öffentliche Finanzierung“

Eine von der Open Knowledge Foundation initiierte Initiative für ein Förderprogramm

Förderung für Offene digitale Basistechnologien - Sovereign Tech Fund

Noch weitere Gründe?

Fehlendes Personal und proprietäre Hardware

Natürlich gibt es noch weitere Gründe, die der Verbreitung von freier und Open-Source-Software im Wege stehen. Häufig ist es schlichtweg fehlendes Personal, das über ausreichend Know-How für einen Umstieg und Support verfügt. Gerade in kleineren Unternehmen ist dies ein verbreiteter Faktor.

Aber auch die damit verbundenen neuen rechtlichen Aspekte, die auf die Unternehmen zukommen, scheuen viele.

Ein weiteres großes Problem ist die proprietäre Hardware. Während früher die Hardwarespezifikationen noch dem Produkt beilagen, versuchen heutzutage Hersteller Informationen über den internen Aufbau bestmöglich zu verschleiern. Dies behindert das Entwickeln von Software für diese Hardware. Nur durch extrem aufwendiges Reverse-Engineering lassen sich z.B. Grafikkartentreiber von nicht kooperativen Herstellern für GNU/Linux entwickeln.

Und nicht zuletzt muss die Software geschrieben, gewartet und gepflegt werden.
Auch wenn mittlerweile viele Unternehmen FOSS einsetzen, nur wenige tragen auch aktiv zu neuen Projekten bei oder rufen diese ins Leben.

Quelle und weitere Gründe
Open-Source-Monitor Studienbericht 2021 - Bitcom

Das Problem von proprietärer Hardware
Freie Software braucht freie Hardware

„Open Source ist nicht nur eine Software, sondern eine Kultur, nämlich die einer offenen Wissensgesellschaft in der wir Wissen miteinander teilen!”
Quelle: Rückblick: Open Source als Baustein einer europäischen Innovationspolitik

Und für diese Freiheit müssen wir aktiv werden!

Schlussendlich sind wir es, die für unsere Freiheit und Unabhängigkeit
auch in der Digitalen Welt einstehen müssen.

FOSS wird uns nicht von allen Problemen der Welt erlösen. Aber mit ihrer Verbreitung, gehen wir einen weiteren wichtigen Schritt, welcher mehr Rechte, Vielfalt und Macht in die Hände unserer Gemeinschaft zurückgibt.

Initiativen

Bedeutende Stiftungen und Initiativen in denen auch du aktiv werden kannst

Du möchtest mehr wissen?

Hier findest du eine Sammlung von weiteren Informationen zum Lesen und Hören
OpenSource und abseits von Software
Software ist für alle da
Wie starte ich ein Open-Source-Projekt?
Open Source Guide
Ursprünge der freien Software Bewegung
Richard Stallman Interview

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